Welt Kompakt - Frankfurt Autor: Olaf Völker 17.08.2010   Glücklich und mit einem Hieb Das Klischee kennt Frankfurt als Verbrechenshochburg - Richtig zur Sache ging es aber in der Vergangenheit - eine Besichtigung  Frankfurt hat ein Imageproblem. Wer außerhalb Frankfurts und Hessens seine Herkunft aus der schönen Mainmetropole preisgibt, muss sich  häufig auf folgende Reaktion gefasst machen: Die Mundwinkel knicken ein, die Stirn legt sich in Falten und der Blick aus zu Schlitzen  verengten Augen legt die Frage nahe: "Ist das nicht gefährlich?" Frankfurt hat ein Schmuddel-Image. In den langen Häuserschluchten  zwischen den kalt anmutenden Banktürmen vermuten viele Nicht-Frankfurter an jeder Ecke einen Fixer, Schieber oder Messerstecher.  Die Kehrseite der Medaille: Verbrechen sind sexy oder im mindesten Fall unterhaltsam. Die blutigsten Skandinavienkrimis dominieren  Deutschlands Bestsellerlisten. Es besteht anscheinend Bedarf an Mordgeschichten und so weiß auch jeder Frankfurter zuweilen mit dem  "speziellen Ruf" der Stadt zu kokettieren - und wenn er sich nur wie die 14-Jährigen in der B-Ebene der Konstablerwache ein T-Shirt mit dem  selbstironisch-provokativen Aufdruck "Frankfurt - Hauptstadt des Verbrechens" überstreift. Montagabend kurz nach sechs auf der Hauptwache: Es ist schwül-warm und schwere Luft drückt auf die Köpfe. Die Zeil erduldet stoisch die  Rush-Hour, vollgestopft mit Pendlern und Passanten. Die sind so sehr in Eile, dass sie bloß über ihre eigenen Füße stolpern. Schade, liegt  die interessantere Stolperfalle doch direkt daneben: Im Kreis um Elisabeth Lücke, Stadtführerin und passionierte Krimileserin. Fast 40  Zuhörer sind immerhin gekommen, um mit ihr heute Abend auf den Spuren der städtischen Kriminalgeschichte zu wandeln. "Das Publikum ist  meist bunt gemischt, aber es sind auch viele Frankfurter dabei, die mal eine andere Seite der Stadt sehen wollen", erzählt Lücke. Seit langem  bietet das Journal Frankfurt unter dem Motto Frankfurter Stadtevents themenbezogenen Führungen an. Banken und Hochhäuser, Das  Bahnhofsviertel, die Eintracht Inside. Die Führung "Tatort Frankfurt" ist fast immer ausgebucht.  Lücke hebt den Blick und beginnt mit klarer Stimme eine kleine Einführung in die Frankfurter Rechtsgeschichte. 794 war die  Erkennungsdienstliche Behandlung noch anderer Art. Zur Kennzeichnung der Verbrecher wurden Ohren geschlitzt, Nasen abgeschnitten,  oder mit dem Stadtadler gebrandmarkt. Scharfrichter: Ein notwendiger, aber kein angesehener Berufsstand. Um einer Todesstrafe zu  entgehen, stand es Frauen frei, den Scharfrichter zu ehelichen, wobei viele Frauen den Tod vorzogen, was die smarte Stadtführerin  unkommentiert lässt.  Der erste wirkliche Tatort ist dann die Hauptwache selbst. 1772 wurde hier Susanna Margaretha Brandt als verurteilte Kindsmörderin  hingerichtet, die als Vorlage für Goethes Gretchen gehandelt wird. "Tod durch das Schwert. Glücklich und mit einem Hieb", berichtet Lücke  und lächelt skeptisch. Ihr Publikum hängt an ihren Lippen und folgt ihr trippelnden Schritts auf den Roßmarkt, den nächsten blutigen  Frankfurter Tatort. Der Anführer des Bürgeraufstands von 1616, Vinzenz Fettmilch, fand hier ein - aus seiner Perspektive - wenig glückliches  Ende. "Enthauptung und anschließende Vierteilung", erzählt Lücke und ist schon wieder unterwegs zum nächsten Tatort.  Über den Theaterplatz, den Römer und die Paulskirche bis hin zur Zeil, wo Anfang des 20. Jahrhunderts der Inhaber des Klaviergeschäfts  Lichtenstein mit eingeschlagenem Schädel hinter seiner Registrierkasse aufgefunden wurde, führt Lücke ihre Gruppe Privatdetektive. Am  vorerst letzten Tatort, dem Eschenheimer Tor, noch mal ein kriminalistisches Highlight: Mit Rosemarie Nitribitt und dem mysteriösen Tod der  Frankfurter Edelprostituierten beschließt Lücke ihre Führung und entlässt die Gruppe an der Hauptwache: "Bis zur nächsten Führung, hoffe  ich", und schon ist sie verschwunden. Die verbliebenen Hobbydetektive können nach diesem Einblick in die Frankfurter Unterwelt auf die  Frage nach ihrer Faszination für das Verbrechen auch keine eindeutige Antwort geben und ziehen ihrer Wege. Was bleibt, ist die Lust auf  mehr kriminalistische Frankfurt-Anekdoten.  Mittlerweile ist es leerer geworden auf der Hauptwache, friedlicher. Die letzten Sonnenstrahlen eines lauen Sommerabends tauchen die  Glasfassaden der Zeil in warmes Licht und auf einmal sieht Frankfurt gar nicht mehr so gefährlich aus.   
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